Intelligente Funketiketten (RFID Radio Frequency Identification) können in Unternehmen einen wesentlichen Beitrag zur Kosteneinsparung, Effizienzsteigerung und höherer Sicherheit leisten. Da die Kosten der Chips mit rund 40 Cent je Stück bisher noch relativ hoch sind, wird die RFID-Technik bislang noch selten eingesetzt. Die Kosten der RFID-Chips werden nach Einschätzung von Branchenexperten jedoch sehr bald in der Größenordnung von 1 Eurocent liegen. Spätestens dann wird es eine Fülle neuer Einsatzmöglichkeiten geben. Vom Chip über die Lesegeräte, die Vernetzung der Lesegeräte bis hin zu den dahinter liegenden Prozessen werden sich völlig neue Wertschöpfungsketten herauskristallisieren. Dazu sind umfassende Kenntnisse gefragt, vor allem in der Informationsverwertungs- und Prozess-Software. Aufgrund des hervorragenden Kapitals an Softwarespezialisten und der IT Infrastruktur bietet sich gerade für Deutschland eine große Chance, hier eine Führungsposition im globalen Wettbewerb einzunehmen und so zusätzliches Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze zu schaffen.
Der Markt
RFID ist die berührungslose Identifikation von Waren, Verpackungen und Paletten per Funk. Mittels kleiner Chips (Transponder oder Tags genannt), die an den Waren angebracht werden, können Informationen über diese Waren blitzschnell und bei hunderten von Transpondern gleichzeitig, abgerufen werden. Der RFID-Markt in Europa steht nach der Marktschätzung des Frankfurter IT-Researchunternehmens Soreon (www.soreon.de) vor einem Höhenflug. Insgesamt soll sich der Markt von 2004 mit rund 400 Mio. € auf über 2,5 Mrd. € im Jahre 2008 entwickeln.
Je nach Definition des Marktes variieren die Prognosen für die RFID-Industrie weltweit zwischen 1,5 und 30 Milliarden US$. Das US-Marktforschungsunternehmen IDTechEx (www.idtechex.com) sagt für den RFID-Weltmarkt ein Wachstum von heute 2,7 Milliarden auf 26,2 Milliarden US$ für das Jahr 2016 auf, je zur Hälfte Tags und Infrastruktur. Bis dahin soll die Zahl der ausgelieferten Tags 450 mal höher liegen als in 2006.
IDC: RFID-Ausgaben für Hard-, Software und Services in USA 2002 bis 2008
(in Mio. US$; Quelle: IDC, 2004)
| Hardware |
6,9 |
841,4 |
66,2 |
| Software |
0,1 |
179,1 |
141,8 |
| Services |
1,5 |
277,2 |
64,5 |
| Total |
8,5 |
1.297,7 |
70,0 |
| Growth (%) |
NA |
1,8 |
|
RFID Trends 2006
Entscheidend getrieben wird dieses Wachstum durch die heute schon bekannten Planungen großer Handelskonzerne wie bspw. Metro in Deutschland oder Tesco in Großbritannien, die RFID im großen Stil einführen wollen. Die Anbieter von RFID-Technologie konzentrieren sich dabei zunehmend auf profitable Nischenmärkte wie die Ausstattung mit RFID-Tags von Büchern, Medikamenten, Reifen, Tickets, Reisepässe und dergleichen. Außerdem nimmt laut Marktexperten das Wissen über die unterschiedlichen Frequenzbereiche zu und das Interesse und die Entwicklungen bei den hochfrequenten Chips (HF - 13.56MHz) steigt.
Gegenüber den klassischen Bar Code Verfahren eröffnen RFID-Systeme, die in Europa typischerweise bei Frequenzen von 13,56 MHz (ISM Band) oder 868 MHz arbeiten, auch ganz neue Möglichkeiten. Auf dem RFID-Chip können relativ einfach und kostengünstig neue Sensorbausteine integriert werden, die etwa die Temperatur oder wenn ein Speicher vorhanden ist auch Temperaturverläufe oder andere kritische Umweltparameter messen können.
Mit diesen Sensoren lassen sich beispielsweise temperaturkritische Güter wie Blutkonserven und Medikamente überwachen. Insbesondere in subtropischen Ländern kann es bei empfindlichen Medikamenten leicht zu einer Überhitzung kommen. Weitere Anwendungsfelder liegen bei der Sterilisierung empfindlicher Instrumente. Auch der Einbau von Beschleunigungssensoren macht bei einigen Anwendungen Sinn.
Querschnittstechnologie für sämtliche Anwendungsbereiche
Die Wirtschaft setzt große Hoffnung in die RFID als Querschnittstechnologie. Die erfolgreiche Umsetzung und Einführung der Transponder- Technologien in den vergangenen Jahren hat ein breites Feld von Anwendungen hervorgebracht. So werden kontinuierlich bestehende Logistiklösungen durch die kontaktlose Technologie erschlossen und verbessert. Das Spektrum der Anwendungen erstreckt sich über alle Zweige von Industrie, Dienstleistung, Handel und Logistik. Neben Rationalisierung und beschleunigten Prozessen gibt es interessante Möglichkeiten u.a. bei Echtheitszertifikaten und Diebstahlsicherung. Hier einige Beispiele:
Industrie/Produktionslogistik
Personen- und Objektidentifikation zur Prozessoptimierung und Qualitätssicherung in der Automobil- und Zuliefererindustrie, im Maschinen- und Anlagenbau sowie Elektronik, Werkzeugbau, Automatisierung, Papier, Holzverarbeitung etc. So erhöht die RFID-Technologie beispielsweise die Sicherheit von Wegfahrsperren. Verschiedene internationale Automobilhersteller setzen bereits Transponder in Fahrzeugschlüssel ein. Das Lesegerät befindet sich im Zündschloss. Zieht der Fahrer den Schlüssel aus dem Schloss, ist die gesamte Elektronik blockiert. Ein Kurzschließen des Pkw ist nicht mehr möglich.
Handel
Identifikation von Objekten für Bestandsmanagement, Warehousemanagement, Diebstahlschutz etc. in den Bereichen Food und Nonfood, Textil und Bekleidung, Markenartikel etc. Nokia hat beispielsweise als erster Mobilfunkhersteller RFID-Lesegeräte in ein Handy integriert. Nutzer sollen damit zukünftig die Möglichkeit haben, zusätzliche Informationen über ihr Handy abzurufen. So sind beispielsweise Werbeplakate mit integrierten RFID-Transpondern denkbar. Der Handybesitzer kann sich dann per Knopfdruck genauer über das beworbene Produkt informieren. Eine weitere Anwendung ist der Austausch von Musikstücken von Handy zu Handy, also das mobile Filesharing.
Gesundheitswesen/Pharma/Chemie
Identifikation von medizinischen Geräten, Blutkonserven, Medikamenten und Kosmetika, von Objekten zur Validierung, Qualitätssicherung, Temperaturüberwachung und Quellensicherung in den Bereichen Diagnostik, Kosmetik, Medizin, Markenschutz etc. Die US-amerikanische Behörde Food and Drug Administration (FDA www.fda.gov) empfiehlt den Einsatz von RFID-Transpondern beispielsweise, um Produktfälschungen von Medikamenten zu verhindern. Mehrere Unternehmen, darunter beispielsweise GlaxoSmithKline, Purdue Pharma, Pfizer und Aventis setzen die Technologie dafür bereits auf Produktebene ein beziehungsweise bereiten den Einsatz vor.
Logistik/Transportlogistik
Identifikation von Mehrwegtransporteinheiten, Verpackungseinheiten, Handelseinheiten und Waren, Auftragsabwicklung, Bestandsmanagement, Lagerverwaltung, Diebstahlsicherung und Prozessoptimierung in den Bereichen Logistikdienstleistungen, Industrie, Handel, Verleihsysteme, Asset Management, Wäscheverleih etc. IBM hat 2004 im Auftrag der International Post Corporation (IPC - www.ipc.be) eine halbe Million Briefe zu Testzwecken mit RFID-Chips bestückt und nach Asien, Europa und Nordamerika verschickt. Messstationen dokumentieren anhand der auf dem Chip gespeicherten Daten Laufzeit und genauen Standort der Sendung sowie die Verweildauer an einem Standort. Die Ergebnisse der Messungen nutzt IPC zur Verbesserung des Postservices. Bis Ende 2005 ist das System einsatzbereit.
Der VDE räumt der RFID-Technik große Marktchancen ein. Als bahnbrechend könnte sich dabei gedruckte RFID-Tags auf Basis von organischen Halbleitern (Polymere) statt Silikonchips erweisen. Die Informationstechnische Gesellschaft im VDE (ITG) wirkt seit vergangenem Jahr über eine neue Fachgruppe zum Thema RFID bei den Standardisierungsprozessen aktiv mit und sieht sich als Austauschplattform für Technologieanbieter und Kunden.
Aufklärungsbedarf zu RFID und Datenschutz
Der Verbraucher kommt im Alltag schon heute regelmäßig mit RFID-Systemen in Berührung. Transponder befinden sich beispielsweise in Skipässen oder Mitgliedsausweisen von Wellnessclubs. Hier verweist der gespeicherte Code gegebenenfalls auf personenbezogene Daten. Auch die „Verfolgung“ von Personen ist heute schon mittels der Sender in Mobiltelefonen oder durch das Navigationssystem im Auto möglich. Unter welchen Umständen Unternehmen und Organisationen eine solche Verknüpfung herstellen dürfen, ist im Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) festgelegt, unabhängig von der verwendeten Technologie.
Die Mitglieder der internationalen Standardisierungsorganisation EPCglobal haben sich freiwillig verpflichtet, bestimmte Prinzipien im Umgang mit der RFID-Technologie einzuhalten. Dazu gehört beispielsweise, dass sie Verbraucher darüber informieren, ob und wo RFID zum Einsatz kommt. Diese Regeln sind Basis für einen offenen Dialog mit den Verbrauchern und für eine transparente Nutzung von RFID. Eine neue Technologie aus den IBM Forschungslabors ermöglicht es Käufern beispielsweise RFID-Tags im Handumdrehen zu deaktivieren und Entscheidungen hinsichtlich Datenschutz individuell zu treffen. So genannte „clipped tags“ erlauben das transparente Deaktivieren von RFID tags durch „Enthaupten“.
Die Gefahr, den „gläsernen Kunden“ zu erschaffen, wird mit der Einführung der RFID-Technologie also nicht größer als bisher. Von daher sollte das Thema Verbraucher- und Datenschutz weiterhin aufmerksam verfolgt werden, aber ohne Fokus auf die RFID-Technologie, weil ansonsten die Gefahr besteht, dass das eigentliche Problem, nämlich „wer macht was mit welchen Daten“ und „wem gestatte ich den Zugriff“, aus den Augen verloren wird. Angesichts der Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten sollten die Risiken dieser neuen Technologie erst vollständig bewertet werden, wenn deren gesamtes Anwendungsspektrum verstanden ist. Bis dahin sollten wir die Chancen, die sie uns bietet, vollständig darstellen und nach Wegen Ausschau halten, wie wir mit exzellenten deutschen Know-how möglichst schnell und umfassend an diesem Wachstumssegment teilhaben können. Der VDE veranstaltet daher am 10. März auf der diesjährigen CeBIT in Hannover zusammen mit der Gesellschaft für Informatik (GI) ein entsprechendes Diskussionsforum unter dem Motto „RFID-Standort Deutschland“.
Zehn Regeln für RFID
1 - Definieren Sie genau Ihre Ziele, die Sie mit RFID erreichen möchten.
2 - Analysieren Sie gründlich Ihre Prozesse, die sie mit RFID unterstützen wollen.
3 - Suchen Sie die passende, den Prozess unterstützende RFID-Technologie aus.
4 - Bewerten Sie den voraussichtlichen ROI (Return of Investment).
5 - Vor Einführung von RFID in Ihrem Tagesbetrieb: Testen Sie eine Pilotinstallierung im kleinen Rahmen.
6 - Bei der Wirtschaftlichkeitskalkulation: Rechnen Sie die mittelfristigen Einsparungen bei den Prozessen und Ressourcen gegen die kurzfristigen Implementierungskosten.
7 - Sehen Sie die Vorteile von RFID nicht nur unter dem Aspekt, Kosten drücken zu wollen. Berücksichtigen Sie beispielsweise auch folgende Vorteile: höhere Transparenz in der Supply Chain und in der Produktion, höhere Qualität, höhere Medikamentierungssicherheit, höhere Kundenzufriedenheit.
8 - Übertragen Sie nicht die RFID-Ergebnisse anderer auf Ihre Verhältnisse.
9 - Suchen Sie sich einen Partner aus, der Ihnen als Gesamtlösungsanbieter (Hardware, Software, Consulting) umfassend zur Seite steht.
10 - Nehmen Sie die Anforderungen der Datenschützer ernst, kommunizieren Sie den Einsatz von RFID in Ihren Produkten und Prozessen.
(Quelle: Siemens Business Services SBS - www.siemens.de/sbs/rfid)